Für Benita C. Zimmer ist klar, dass der technologische Wandel eine enorme Herausforderung für die menschliche Psyche darstellt. Dennoch gibt es Massnahmen und Strategien, um die Belastung im Alltag zu reduzieren, betont die Wirtschafts- und Gesundheitspsychologin.
TEXT: TOBIAS SORAPERRA, BILDER: NILS VOLLMAR
Welchen Einfluss hat der digitale Wandel in der Arbeitswelt auf die psychische Gesundheit?
Benita C. Zimmer: In meiner beruflichen Praxis beobachte ich, dass ständige Vernetzung ein zweischneidiges Schwert ist. Auf der einen Seite erleichtert sie den Zugang zu Informationen und die Zusammenarbeit über Distanz, besonders in internationalen Teams ein Vorteil ist. Auf der anderen Seite suggeriert die dauerhafte digitale Erreichbarkeit oft, dass man rundum die Uhr verfügbar sein muss. Das führt häufig zu einem sogenannten Erreichbarkeitsstress, bei dem sich Mitarbeitende ständig
verpflichtet fühlen, auf Nachrichten oder Anfragen zu reagieren
selbst ausserhalb der Arbeitszeiten. Ständige Informationsflut erschwert
zudem die Konzentration und Entscheidungsfähigkeit, was die mentale Belastbarkeit weiter reduziert.
Wie bewerten Sie die zunehmende Vernetzung und damit auch die Verschmelzung von Arbeit und Freizeit aus psychologischer Sicht?
Auf der einen Seite bietet das Verschwimmen der Grenzen von Berufs und Privatleben die Möglichkeit, den eigenen Tagesablauf flexibler zu gestalten und berufliche Verpflichtungen besser mit privaten Interessen zu vereinbaren. Ein Beispiel ist ein Mitarbeiter, der nachmittags seine Kinder von der Schule
abholen und später am Abend weiterarbeiten kann. Aber auch
wenn Homeoffice an sich eine tolle Sache ist, so birgt diese Flexibilität auch Risiken: Ohne klare Grenzen kann die Arbeit in die Freizeit übergreifen, was langfristig zu einer Überbeanspruchung führt. Viele Mitarbeitende berichten mir, dass sie Schwierigkeiten haben, nach der Arbeit abzuschalten. Insbesondere wenn berufliche E-Mails auch auf privaten Geräten empfangen werden. Dies führt zu mangelnder Erholung. Die Folge kann chronischer Stress sein. Schlafprobleme durch digitale Stimulation, wie das Blaulicht von Bildschirmen, beeinträchtigen zudem den Schlaf-Wach-Rhythmus und erschweren
«DIE MENSCHEN MÜSSEN MEHR VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN, WIE SIE
IHREN TAG STRUKTURIEREN UND WO SIE GRENZEN SETZEN.»
Benita C. Zimmer
die Regeneration. Hier sind Unternehmen gefordert, darauf zu achten, Mitarbeitende zu unterstützen, ihre Freizeit zu schützen, etwa durch digitale Grenzen.
Wenn ich Sie richtig verstehe, hat der technologische Wandel also nicht nur Nachteile, sondern auch gewisse
Vorteile?
Ja. Wobei es unter dem Strich mehr Nachteile als Vorteile gibt. Dennoch müssen wir festhalten, dass wir diese Entwicklung nicht aufhalten können und uns darauf einstellen müssen. Eigentlich ist der Mensch psychologisch gesehen noch nicht einmal bei der Digitalisierung angekommen, wenn ich daran denke, wie oft Formulare noch ausgedruckt und per Post geschickt werden. Und nun müssen wir uns aber bereits mit dem nächsten technologischen Entwicklungsschritt, der künstlichen Intelligenz (KI) auseinander-setzen. Gleichzeitig empfinden viele Menschen Stress durch die Sozialmedien, da der permanente Vergleich mit anderen das Gefühl verstärken kann, nicht genug zu leisten.
Welche Rolle spielt KI im Zusammenhang mit Konnektivität und psychischer Gesundheit?
KI kann einerseits Arbeitsprozesse vereinfachen und monotone Aufgaben übernehmen, was Mitarbeitern den Freiräume für kreative und strategische Tätigkeiten schaffen kann. Gleichzeitig führen die Automatisierung und der
Einsatz von KI bei einigen Beschäftigten zu Unsicherheiten, etwa durch die Angst vor Arbeitsplatzverlust oder
durch die Notwendigkeit, sich
kontinuierlich an neue Technologien anpassen zu müssen. Diese Ängste können sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken und sollten durch gezielte Schulungen und klare Kommunikation adressiert werden. Auch wenn einige davon ausgehen, durch KI könne man noch mehr Arbeit in der gleichen Zeit erledigen, so stimmt das in der Regel nicht.
Dementsprechend gibt es viele, die sich selbst sehr unter Druck setzen, weil sie Angst haben, durch diese modernen Technologien den Anschluss zu verlieren.
Somit können wir aus psychologischer Sicht nur auf den Wandel, der mit der
Wir müssen
grundsätzlich
flexibler und
anpassungsfähiger
werden.
KI einhergeht, reagieren. Welche Ansätze gibt es aus Ihrer Sicht diesbezüglich?
Grundsätzlich hängt es von der Persönlichkeit des Einzelnen ab. Es gibt Menschen, die resilienter sind als andere. Natürlich ist das auch noch nicht komplett erforscht, weil KI in der breiten Anwendung relativ neu ist. Es fehlen diesbezüglich beispielsweise noch Langzeitstudien. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht jedoch das
Zeitmanagement. Menschen müssen mehr Verantwortung dafür übernehmen, wie sie ihren Tag strukturieren und wo sie Grenzen setzen. Neben strukturiertem Zeitmanagement können digitale Detox-Phasen und Bewegung als Stressabbau hilfreich sein.
Geschieht dies aus Ihrer Sicht zu
wenig?
Ich erlebe bei meinen Klienten häufig, dass sie in einen Workflow kommen und dann von einer Aufgabe zur nächsten springen, ohne dies bewusst wahrzunehmen. Früher, im analogen Zeitalter, war der Abschluss einzelner Aufgaben oft mit physischen Tätigkeiten verbunden, die einen natürlichen Stopp signalisierten. Beispielsweise bedeutete
das Verschicken eines Briefes nicht nur das Schreiben, sondern auch das Ausdrucken, Kuvertieren, Frankieren und schliesslich den Gang zum
Briefkasten. Jede dieser Tätigkeiten bot eine kurze Pause und die Möglichkeit, einen Arbeitsschritt bewusst abzuschliessen. Heute in der digitalen Arbeitswelt genügt ein Klick, um eine E-Mail zu verschicken. Dadurch fehlen
diese kleinen, strukturierten Zwischenetappen, die uns geholfen haben, die Arbeit zu unterteilen und mental zu verarbeiten. Das Fehlen solcher bewusster Übergänge führt dazu, dass viele Menschen in einen endlosen Strom von Aufgaben geraten, der keine natürliche Unterbrechung
bietet.
Welche Rolle spielen New Work und flexibles bzw. mobiles Arbeiten bei der Bewältigung des psychischen Drucks in der heutigen Arbeitswelt?
New Work und flexible Arbeitsmodelle haben das Potenzial, die Arbeitszufriedenheit zu erhöhen,
insbesondere durch die Möglichkeit, Arbeitszeiten und orte individuell zu gestalten. Diese Autonomie fördert Motivation und Kreativität.
In meinen Forschungen konnte ich aufzeigen, dass insbesondere mobiles Arbeiten positive Effekte auf das Wohlbefinden hat, solange Arbeitnehmer über die nötigen Selbstkompetenzen verfügen und von ihrem Unternehmen unterstützt werden. Ein Beispiel dafür ist ein Designer, der seine kreativsten Phasen abends hat und diese durch flexible Arbeitszeiten optimal nutzen kann.
Auf der anderen Seite dürften solche Arbeitsmodelle auch nicht für jedermann geeignet sein.
Mitarbeitende, die Schwierigkeiten
haben, ihre Arbeit zu strukturieren,
können schnell überfordert sein. Hier helfen praktische und individuell anpassbare Ansätze, wie das Führen eines schriftlichen Tages
plans oder das Priorisieren von Aufgaben anhand von Methoden wie der Eisenhower-Matrix, bei der Aufgaben nach Wichtigkeit und Dringlichkeit sortiert werden. Ohne klare Strukturen und ausreichende Ressourcen kann die Eigenverantwortung jedoch auch überfordern und zu Stress führen. Menschen mit ausgeprägter Selbstkompetenz, wie Selbstorganisation und hoher Anpassungsfähigkeit, kommen meiner Erfahrung nach besser mit den Anforderungen der digitalen Arbeitswelten zurecht. Ein Beispiel sind IT-Fachkräfte, die durch ständige Updates und wechselnde Anforderungen geübt darin sind, neue Herausforderungen rasch zu bewältigen.
Welche Rahmenbedingungen können und müssen Unternehmen bzw. Arbeitgeber für Menschen bieten, die Schwierigkeiten mit dem technologischen Wandel haben?
Besonders in Zeiten von Fachkräftemangel ist es für Unternehmen unverzichtbar, gesunde Rahmenbedingungen zu schaffen, psychische Belastungen der
Mitarbeitenden zu erkennen und gezielt entgegen zu wirken. Ein zukunfts-orientiertes Unternehmen erkennt, dass Investitionen in die psychische
Gesundheit der Mitarbeitenden nicht nur deren Wohlbefinden steigern, sondern
auch die Produktivität und Loyalität erhöhen. Dazu gehören auch psychologische Gefährdungsbeurteilungen sowie klare Regeln zu Erreichbarkeit und Arbeitszeiten.
Welche Massnahmen können Menschen selbst treffen, um sich besser auf die Neuerungen und den Wandel einzustellen? Welche Werkzeuge stehen Mitarbeitenden selbst zur Verfügung?
Gezielte Routinen wie strukturiertes Zeitmanagement oder regelmässige Zeiten ohne digitale Geräte, sogenannte Digital-Detox-Phasen, können helfen. Des Weiteren können das Führen von Tagebüchern oder Achtsamkeitsübungen hilfreich sein, um die eigene Belastung besser zu verstehen und frühzeitig gegen zusteuern. Stressabbau durch Bewegung oder der Austausch
mit anderen Menschen sind ebenfalls wichtige Ansätze.
Ein Begriff, der auch oft genannt
wird in den vergangenen Jahren: Work-Life-Balance. Wie wichtig ist diese aus Ihrer Sicht für ein Unternehmen?
Tatsächlich ist ja auch auf Unterehmerseite wichtig, dass die Mit-arbeitenden eine gute Work-Life-Balance haben. Wenn jemand zufrieden ist, seine Grenzen kennt und seine Ressourcen aufbauen kann, erhöht dies die Arbeitsqualität und reduziert die Krankheitstage. Menschen haben tatsächlich auch mehr Kapazität und bringen gegebenenfalls mehr Kreativität oder bessere Lösungsansätze
in die Arbeit ein. Und in der heutigen Zeit des Fachkräftemangels ist es für Arbeitgeber wichtig, die Mitarbeitenden an das Unternehmen zu binden. Hier ist
Work-Life-Balance das Stichwort, wie Unternehmen Strukturen schaffen können, dass Mitarbeiten sich mit dem Unternehmen identifizieren, motiviert bleiben und zufrieden sind
Wie stellen Sie sich die ideale Balance zwischen Konnektivität und mentaler Gesundheit in 10 Jahren vor?
Wir müssen grundsätzlich flexibler und anpassungsfähiger werden. Und wir dürfen uns nicht vor neuen Technologien verschliessen. Die Dinge werden in Zukunft nicht mehr so funktionieren, wie wir es in den vergangenen 20 Jahre
gewohnt waren. Um die Mitarbeitenden abzuholen und Ängste abzubauen, müssen wir wieder lernen, besser miteinander zu kommunizieren. In diesem Zusammenhang ist ein wichtiger Punkt die Art und Weise, wie Teammeetings gestaltet werden. Wenn diese hauptsächlich digital stattfinden, kann ein Gefühl der Distanz entstehen, da spontane Gespräche und informelle Interaktionen oft fehlen. Dies sind jedoch entscheidende Elemente für den Aufbau eines starken Teamgefühls. Massnahmen wie regelmässige persönliche Treffen und hybride Formate, die digitalen und analogen Austausch kombinieren, könnten eine Lösung sein. So bleibt
die persönliche Verbindung erhalten, und die Zusammenarbeit wird gestärkt. Abschliessend ist es wichtig zu betonen, dass die Verbindung zwischen Technologie, Konnektivität und psychischer Gesundheit
nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich und politisch angegangen werden muss. Politische Regelungen könnten beispielsweise Standards für Homeoffice, Erreichbarkeitszeiten und Arbeitszeiten sein, um Mitarbeitende besser zu schützen. Gleichzeitig sollten
gesellschaftliche Initiativen die Bedeutung der Work-Life-Balance betonen und die Bevölkerung für psychische Gesundheit sensibilisieren. Nur durch ein gemeinsames Handeln können wir in der digitalen Zukunft eine nachhaltige Balance schaffen, die sowohl produktiv als
auch gesundheitsfördernd ist.
Benita C. Zimmer ist Wirt-
schafts- und Gesundheitspsy-
chologin und hat ihr Studium
in Berlin absolviert. Nach ihrem
Studium widmete sie sich inten-
siv der Forschung zu psychologi-
schen Belastungs faktoren und
Beanspruchungen im Kontext
von New Work. Mit mehr als
neun Jahren Erfahrung in der Unternehmensberatung arbei-
tete sie in einem inter -
disziplinären Team von Wirt-schaftspsychologinnen. In
Liechtenstein gründete sie die
Zimmer Consulting, um
ihre umfassenden Kenntnisse
und Erfahrungen an Unterneh-
men weiterzugeben und sie in Transformationsprozessen zu
begleiten. Dabei kombiniert
Zimmer wissenschaftliche
Erkenntnisse mit praxisnahen
Ansätzen, um die psychische
Gesundheit und die Arbeitskul-
tur in Unternehmen nachhaltig
zu verbessern.
Für Benita C. Zimmer ist klar, dass der technologische Wandel eine enorme Herausforderung für die menschliche Psyche darstellt. Dennoch gibt es Massnahmen und Strategien, um die Belastung im Alltag zu reduzieren, betont die Wirtschafts- und Gesundheitspsychologin.
TEXT: TOBIAS SORAPERRA, BILDER: NILS VOLLMAR
Welchen Einfluss hat der digitale
Wandel in der Arbeitswelt auf die psychische Gesundheit?
Benita C. Zimmer: In meiner beruf-
lichen Praxis beobachte ich, dass
ständige Vernetzung ein zwei-
schneidiges Schwert ist. Auf der einen
Seite erleichtert sie den Zugang
zu Informationen und die
Zusammenarbeit über Distanz, was
besonders in internationalen Teams
ein Vorteil ist. Auf der anderen Seite suggeriert die dauerhafte digitale
Erreichbarkeit oft, dass man rundum
die Uhr verfügbar sein muss.
Das führt häufig zu einem soge-
nannten Erreichbarkeitsstress, bei
dem sich Mitarbeitende ständig
verpflichtet fühlen, auf Nachrichten
oder Anfragen zu reagieren –
selbst ausserhalb der Arbeitszeiten. Ständige Informationsflut erschwert
zudem die Konzentration und Entscheidungsfähigkeit, was die mentale Belastbarkeit weiter reduziert.
Wie bewerten Sie die zunehmende Vernetzung und damit auch die Verschmelzung von Arbeit und Freizeit aus psychologischer Sicht?
Auf der einen Seite bietet das Ver-schwimmen der Grenzen von Berufs-
und Privatleben die Möglichkeit, den eigenen Tagesablauf flexibler zu gestalten und berufliche Verpflichtungen besser mit privaten Interessen zu vereinbaren. Ein
Beispiel ist ein Mitarbeiter, der nach-
mittags seine Kinder von der Schule
abholen und später am Abend weiterarbeiten kann. Aber auch
wenn Homeoffice an sich eine tolle
Sache ist, so birgt diese Flexibilität
auch Risiken: Ohne klare Grenzen
kann die Arbeit in die Freizeit über-
greifen, was langfristig zu einer Überbeanspruchung führt. Viele Mitarbeitende berichten mir, dass
sie Schwierigkeiten haben, nach der
Arbeit abzuschalten. Insbesondere
wenn berufliche E-Mails auch auf
privaten Geräten empfangen werden.
Dies führt zu mangelnder Erholung.
Die Folge kann chronischer Stress sein. Schlafprobleme durch digitale
Stimulation, wie das Blaulicht von Bildschirmen, beeinträchtigen zudem
den Schlaf-Wach-Rhythmus und erschweren die
«DIE MENSCHEN MÜSSEN MEHR VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN, WIE SIE
IHREN TAG STRUKTURIEREN UND WO SIE GRENZEN SETZEN.»
Benita C. Zimmer
Regeneration. Hier sind Unternehmen gefordert, darauf zu achten, Mitarbeitende zu unterstützen, ihre Freizeit zu schützen, etwa durch digitale Grenzen.
Wenn ich Sie richtig verstehe, hat der technologische Wandel also nicht nur Nachteile, sondern auch gewisse
Vorteile?
Ja. Wobei es unter dem Strich mehr Nachteile als Vorteile gibt. Dennoch müssen wir festhalten, dass wir diese Entwicklung nicht aufhalten können und uns darauf einstellen müssen. Eigentlich ist der Mensch psychologisch gesehen noch nicht einmal bei der Digitalisierung ange-kommen, wenn ich daran denke, wie oft Formulare noch ausgedruckt und per Post geschickt werden. Und nun müssen wir uns aber bereits mit dem nächsten technologischen Entwicklungsschritt, der künstlichen Intelligenz (KI) auseinander-setzen. Gleichzeitig empfinden viele Menschen Stress durch die Sozialmedien, da der permanente Vergleich mit anderen das Gefühl verstärken kann, nicht genug zu leisten.
Welche Rolle spielt KI im Zusammen-
hang mit Konnektivität und
psychischer Gesundheit?
KI kann einerseits Arbeitsprozesse vereinfachen und monotone Aufgaben übernehmen, was Mitarbeitern den Freiräume für kreative und strategische Tätigkeiten schaffen kann. Gleichzeitig führen die Automatisierung und der
Einsatz von KI bei einigen Beschäftigten
zu Unsicherheiten, etwa durch die
Angst vor Arbeitsplatzverlust oder
durch die Notwendigkeit, sich
kontinuierlich an neue Technologien
anpassen zu müssen. Diese Ängste
können sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken und sollten
durch gezielte Schulungen und klare Kommunikation adressiert werden.
Auch wenn einige davon ausgehen,
durch KI könne man noch mehr Arbeit
in der gleichen Zeit erledigen, so stimmt das in der Regel nicht.
Dementsprechend gibt es viele, die sich selbst sehr unter Druck setzen, weil sie Angst haben, durch diese modernen Technologien den Anschluss zu verlieren.
Somit können wir aus psychologischer
Sicht nur auf den Wandel, der mit der
Wir müssen
grundsätzlich
flexibler und
anpassungsfähiger
werden.
KI einhergeht, reagieren. Welche Ansätze gibt es aus Ihrer Sicht diesbezüglich?Grundsätzlich hängt es von der Per-sönlichkeit des Einzelnen ab. Es gibt Menschen, die resilienter sind als
andere. Natürlich ist das auch noch nicht komplett erforscht, weil KI in der breiten Anwendung relativ neu ist. Es fehlen diesbezüglich beispielsweise noch Langzeitstudien. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht jedoch das
Zeitmanagement. Menschen müssen
mehr Verantwortung dafür
übernehmen, wie sie ihren Tag strukturieren und wo sie Grenzen setzen. Neben strukturiertem
Zeitmanagement können digitale
Detox-Phasen und Bewegung als
Stressabbau hilfreich sein.
Geschieht dies aus Ihrer Sicht zu
wenig?
Ich erlebe bei meinen Klienten häufig,
dass sie in einen Workflow kommen und dann von einer Aufgabe zur nächsten springen, ohne dies bewusst wahrzunehmen. Früher, im analogen Zeitalter, war der Abschluss einzelner Aufgaben oft mit physischen Tätigkeiten verbunden, die einen natürlichen Stopp signalisierten. Beispielsweise bedeutete
das Verschicken eines Briefes nicht
nur das Schreiben, sondern auch
das Ausdrucken, Kuvertieren, Frankieren und schliesslich den Gang zum
Briefkasten. Jede dieser Tätigkeiten bot
eine kurze Pause und die Möglichkeit,
einen Arbeitsschritt bewusst abzuschliessen. Heute in der digitalen Arbeitswelt genügt ein Klick, um eine
E-Mail zu verschicken. Dadurch fehlen
diese kleinen, strukturierten Zwischenetappen, die uns geholfen
haben, die Arbeit zu unterteilen und
mental zu verarbeiten. Das Fehlen solcher bewusster Übergänge führt dazu, dass
viele Menschen in einen endlosen
Strom von Aufgaben geraten, der
keine natürliche Unterbrechung
bietet.
Welche Rolle spielen New Work und flexibles bzw. mobiles Arbeiten bei der Bewältigung des psychischen Drucks in der heutigen Arbeitswelt?
New Work und flexible Arbeitsmodelle haben das Potenzial, die Arbeitszufriedenheit zu erhöhen,
insbesondere durch die Möglichkeit, Arbeitszeiten und -orte individuell zu gestalten. Diese Autonomie fördert Motivation und Kreativität. In
meinen Forschungen konnte ich
aufzeigen, dass insbesondere mobiles Arbeiten positive Effekte auf das Wohlbefinden hat, solange Arbeit-
nehmer über die nötigen Selbstkom-petenzen verfügen und von ihrem Unternehmen unterstützt werden.
Ein Beispiel dafür ist ein Designer,
der seine kreativsten Phasen abends
hat und diese durch flexible Arbeits-
zeiten optimal nutzen kann.
Auf der anderen Seite dürften solche Arbeitsmodelle auch nicht für jedermann geeignet sein.
Mitarbeitende, die Schwierigkeiten
haben, ihre Arbeit zu strukturieren,
können schnell überfordert sein. Hier
helfen praktische und individuell anpassbare Ansätze, wie das
Führen eines schriftlichen Tages-
plans oder das Priorisieren von Aufgaben anhand von Methoden wie der
Eisenhower-Matrix, bei der Aufgaben nach Wichtigkeit und Dringlichkeit sortiert werden. Ohne klare Strukturen und ausreichende Ressourcen kann die Eigenverantwortung jedoch auch überfordern und zu Stress führen. Menschen mit ausgeprägter Selbstkompetenz, wie Selbstorganisation und hoher Anpassungsfähigkeit, kommen meiner Erfahrung nach besser mit den Anforderungen der digitalen
Arbeitswelten zurecht. Ein Beispiel
sind IT-Fachkräfte, die durch ständige Updates und wechselnde Anforderungen geübt darin sind, neue Herausforderungen rasch zu bewältigen.
Welche Rahmenbedingungen können
und müssen Unternehmen bzw. Arbeitgeber für Menschen bieten, die Schwierigkeiten mit dem technologischen Wandel haben?
Besonders in Zeiten von Fachkräftemangel ist es für Unternehmen unverzichtbar, gesunde Rahmenbedingungen zu
schaffen, psychische Belastungen der
Mitarbeitenden zu erkennen und gezielt entgegen zu wirken. Ein zukunfts-orientiertes Unternehmen erkennt, dass Investitionen in die psychische
Gesundheit der Mitarbeitenden nicht nur deren Wohlbefinden steigern, sondern
auch die Produktivität und Loyalität
erhöhen. Dazu gehören auch
psychologische Gefährdungs-beurteilungen sowie klare Regeln zu Erreichbarkeit und Arbeitszeiten.
Welche Massnahmen können Menschen selbst treffen, um sich besser
auf die Neuerungen und den Wandel einzustellen? Welche Werkzeuge
stehen Mitarbeitenden selbst zur Verfügung?
Gezielte Routinen wie strukturiertes Zeitmanagement oder regelmässige
Zeiten ohne digitale Geräte, sogenannte Digital-Detox-Phasen, können helfen.
Des Weiteren können das Führen von Tagebüchern oder Achtsamkeits-
übungen hilfreich sein, um die eigene Belastung besser zu verstehen und frühzeitig gegen zusteuern. Stressabbau durch Bewegung oder der Austausch
mit anderen Menschen sind ebenfalls
wichtige Ansätze.
Ein Begriff, der auch oft genannt
wird in den vergangenen Jahren:
Work-Life-Balance. Wie wichtig ist diese aus Ihrer Sicht für ein Unternehmen?
Tatsächlich ist ja auch auf Unterehmer-
seite wichtig, dass die Mit-arbeitenden
eine gute Work-Life-Balance haben. Wenn jemand zufrieden ist, seine Grenzen
kennt und seine Ressourcen aufbauen kann, erhöht dies die Arbeitsqualität und
reduziert die Krankheitstage. Menschen haben tatsächlich auch mehr Kapazität
und bringen gegebenenfalls mehr Kreativität oder bessere Lösungsansätze
in die Arbeit ein. Und in der heutigen Zeit des Fachkräftemangels ist es für Arbeitgeber wichtig, die Mitarbeitenden
an das Unternehmen zu binden. Hier ist
Work-Life-Balance das Stichwort, wie Unternehmen Strukturen schaffen
können, dass Mitarbeiten sich mit dem Unternehmen identifizieren, motiviert bleiben und zufrieden sind
Wie stellen Sie sich die ideale Balance zwischen Konnektivität und mentaler Gesundheit in 10 Jahren vor?
Wir müssen grundsätzlich flexibler und anpassungsfähiger werden. Und wir
dürfen uns nicht vor neuen Technologien verschliessen. Die Dinge werden in
Zukunft nicht mehr so funktionieren,
wie wir es in den vergangenen 20 Jahre
gewohnt waren. Um die Mitarbeitenden abzuholen und Ängste abzubauen,
müssen wir wieder lernen, besser miteinander zu kommunizieren. In
diesem Zusammenhang ist ein wichtiger Punkt die Art und Weise, wie Teammeetings gestaltet werden.
Wenn diese hauptsächlich digital stattfinden, kann ein Gefühl
der Distanz entstehen, da spontane Gespräche und informelle Interaktionen
oft fehlen. Dies sind jedoch
entscheidende Elemente für den Aufbau eines starken Teamgefühls. Massnahmen wie regelmässige persönliche Treffen
und hybride Formate, die digitalen und analogen Austausch kombinieren,
könnten eine Lösung sein. So bleibt
die persönliche Verbindung erhalten,
und die Zusammenarbeit wird
gestärkt. Abschliessend ist es wichtig zu betonen, dass die Verbindung zwischen Technologie, Konnektivität und
psychischer Gesundheit
nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich und politisch angegangen werden muss. Politische Regelungen könnten beispielsweise Standards für Homeoffice, Erreichbarkeitszeiten und Arbeitszeiten sein, um Mitarbeitende
besser zu schützen. Gleichzeitig sollten
gesellschaftliche Initiativen die Bedeutung der Work-Life-Balance betonen und die Bevölkerung für psychische Gesundheit sensibilisieren. Nur durch ein
gemeinsames Handeln können wir in der digitalen Zukunft eine nachhaltige Balance
schaffen, die sowohl produktiv als
auch gesundheitsfördernd ist.
Benita C. Zimmer ist Wirt-
schafts- und Gesundheitspsy-
chologin und hat ihr Studium
in Berlin absolviert. Nach ihrem
Studium widmete sie sich inten-
siv der Forschung zu psychologi-
schen Belastungs faktoren und
Beanspruchungen im Kontext
von New Work. Mit mehr als
neun Jahren Erfahrung in der Unternehmensberatung arbei-
tete sie in einem inter -
disziplinären Team von Wirt-schaftspsychologinnen. In
Liechtenstein gründete sie die
Zimmer Consulting, um
ihre umfassenden Kenntnisse
und Erfahrungen an Unterneh-
men weiterzugeben und sie in Transformationsprozessen zu
begleiten. Dabei kombiniert
Zimmer wissenschaftliche
Erkenntnisse mit praxisnahen
Ansätzen, um die psychische
Gesundheit und die Arbeitskul-
tur in Unternehmen nachhaltig
zu verbessern.
Für Benita C. Zimmer ist klar, dass der technologische Wandel eine enorme Herausforderung für die menschliche Psyche darstellt. Dennoch gibt es Massnahmen und Strategien, um die Belastung im Alltag zu reduzieren, betont die Wirtschafts- und Gesundheitspsychologin.
TEXT: TOBIAS SORAPERRA, BILDER: NILS VOLLMAR
Welchen Einfluss hat der digitale
Wandel in der Arbeitswelt auf die psychische Gesundheit?
Benita C. Zimmer: In meiner beruflichen Praxis beobachte ich, dass ständige Vernetzung ein zweischneidiges Schwert ist. Auf der einen Seite erleichtert sie den Zugang
zu Informationen und die
Zusammenarbeit über Distanz, was
besonders in internationalen Teams
ein Vorteil ist. Auf der anderen Seite suggeriert die dauerhafte digitale
Erreichbarkeit oft, dass man rundum
die Uhr verfügbar sein muss.
Das führt häufig zu einem sogenannten Erreichbarkeitsstress, bei
dem sich Mitarbeitende ständig verpflichtet fühlen, auf Nachrichten oder Anfragen zu reagieren selbst ausserhalb der Arbeitszeiten. Ständige Informationsflut erschwert zudem die Konzentration und Entscheidungsfähigkeit, was die mentale Belastbarkeit weiter reduziert.
Wie bewerten Sie die zunehmende Vernetzung und damit auch die Verschmelzung von Arbeit und Freizeit aus psychologischer Sicht?
Auf der einen Seite bietet das Verschwimmen der Grenzen von Berufs- und Privatleben die Möglichkeit, den eigenen Tagesablauf flexibler zu gestalten und berufliche Verpflichtungen besser mit privaten Interessen zu vereinbaren. Ein Beispiel ist ein Mitarbeiter, der nachmittags seine Kinder von der Schule abholen und später am Abend weiterarbeiten kann. Aber auch wenn Homeoffice an sich eine tolle Sache ist, so birgt diese Flexibilität auch Risiken: Ohne klare Grenzen kann die Arbeit in die Freizeit übergreifen, was langfristig zu einer Überbeanspruchung führt. Viele Mitarbeitende berichten mir, dass sie Schwierigkeiten haben, nach der Arbeit abzuschalten. Insbesondere wenn berufliche E-Mails auch auf privaten Geräten empfangen werden. Dies führt zu mangelnder Erholung. Die Folge kann chronischer Stress sein. Schlafprobleme durch digitale Stimulation, wie das Blaulicht von Bildschirmen, beeinträchtigen zudem den Schlaf-Wach-Rhythmus und erschweren die Regeneration. Hier sind Unternehmen gefordert, darauf zu achten, Mitarbeitende zu unterstützen, ihre Freizeit zu schützen, etwa durch digitale Grenzen.
«DIE MENSCHEN MÜSSEN MEHR VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN, WIE SIE IHREN TAG STRUKTURIEREN UND WO SIE GRENZEN SETZEN.»
Benita C. Zimmer
Wenn ich Sie richtig verstehe, hat der technologische Wandel also nicht nur Nachteile, sondern auch gewisse Vorteile?
Ja. Wobei es unter dem Strich mehr Nachteile als Vorteile gibt. Dennoch müssen wir festhalten, dass wir diese Entwicklung nicht aufhalten können und uns darauf einstellen müssen. Eigentlich ist der Mensch psychologisch gesehen noch nicht einmal bei der Digitalisierung angekommen, wenn ich daran denke, wie oft Formulare noch ausgedruckt und per Post geschickt werden. Und nun müssen wir uns aber bereits mit dem nächsten technologischen Entwicklungsschritt, der künstlichen Intelligenz (KI) auseinandersetzen. Gleichzeitig empfinden viele Menschen Stress durch die Sozialmedien, da der permanente Vergleich mit anderen das Gefühl verstärken kann, nicht genug zu leisten.
Welche Rolle spielt KI im Zusammenhang mit Konnektivität und psychischer Gesundheit?
KI kann einerseits Arbeitsprozesse vereinfachen und monotone Aufgaben übernehmen, was Mitarbeitern den Freiräume für kreative und strategische Tätigkeiten schaffen kann. Gleichzeitig führen die Automatisierung und der Einsatz von KI bei einigen Beschäftigten zu Unsicherheiten, etwa durch die Angst vor Arbeitsplatzverlust oder durch die Notwendigkeit, sich kontinuierlich an neue Technologien anpassen zu müssen. Diese Ängste können sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken und sollten durch gezielte Schulungen und klare Kommunikation adressiert werden. Auch wenn einige davon ausgehen, durch KI könne man noch mehr Arbeit in der gleichen Zeit erledigen, so stimmt das in der Regel nicht. Dementsprechend gibt es viele, die sich selbst sehr unter Druck setzen, weil sie Angst haben, durch diese modernen Technologien den Anschluss zu verlieren.
Somit können wir aus psychologischerSicht nur auf den Wandel, der mit der
Wir müssen
grundsätzlich
flexibler und
anpassungsfähiger
werden.
Somit können wir aus psychologischerSicht nur auf den Wandel, der mit der KI einhergeht, reagieren. Welche Ansätze gibt es aus Ihrer Sicht diesbezüglich?
Grundsätzlich hängt es von der Persönlichkeit des Einzelnen ab. Es gibt Menschen, die resilienter sind als andere. Natürlich ist das auch noch nicht komplett erforscht, weil KI in der breiten Anwendung relativ neu ist. Es fehlen diesbezüglich beispielsweise noch Langzeitstudien. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht jedoch das Zeitmanagement. Menschen müssen mehr Verantwortung dafür übernehmen, wie sie ihren Tag strukturieren und wo sie Grenzen setzen. Neben strukturiertem Zeitmanagement können digitale Detox-Phasen und Bewegung als Stressabbau hilfreich sein.
Geschieht dies aus Ihrer Sicht zu wenig?
Ich erlebe bei meinen Klienten häufig, dass sie in einen Workflow kommen und dann von einer Aufgabe zur nächsten springen, ohne dies bewusst wahrzunehmen. Früher, im analogen Zeitalter, war der Abschluss einzelner Aufgaben oft mit physischen Tätigkeiten verbunden, die einen natürlichen Stopp signalisierten. Beispielsweise bedeutete das Verschicken eines Briefes nicht nur das Schreiben, sondern auch das Ausdrucken, Kuvertieren, Frankieren und schliesslich den Gang zum Briefkasten. Jede dieser Tätigkeiten bot eine kurze Pause und die Möglichkeit, einen Arbeitsschritt bewusst abzuschliessen. Heute in der digitalen Arbeitswelt genügt ein Klick, um eine E-Mail zu verschicken. Dadurch fehlen diese kleinen, strukturierten Zwischenetappen, die uns geholfen haben, die Arbeit zu unterteilen und mental zu verarbeiten.
Das Fehlen solcher bewusster Übergänge führt dazu, dass viele Menschen in einen endlosen Strom von Aufgaben geraten, der keine natürliche Unterbrechung bietet.
Welche Rolle spielen New Work und flexibles bzw. mobiles Arbeiten bei der Bewältigung des psychischen Drucks in der heutigen Arbeitswelt?
New Work und flexible Arbeitsmodelle haben das Potenzial, die Arbeitszufriedenheit zu erhöhen, insbesondere durch die Möglichkeit, Arbeitszeiten und
-orte individuell zu gestalten. Diese Autonomie fördert Motivation und Kreativität. In meinen Forschungen konnte ich aufzeigen, dass insbesondere mobiles Arbeiten positive Effekte auf das Wohlbefinden hat, solange Arbeitnehmer über die nötigen Selbstkompetenzen verfügen und von ihrem Unternehmen unterstützt werden. Ein Beispiel dafür ist ein Designer, der seine kreativsten Phasen abends hat und diese durch flexible Arbeitszeiten optimal nutzen kann.
Auf der anderen Seite dürften solche Arbeitsmodelle auch nicht für jedermann geeignet sein.
Mitarbeitende, die Schwierigkeiten haben, ihre Arbeit zu strukturieren, können schnell überfordert sein. Hier helfen praktische und individuell anpassbare Ansätze, wie das Führen eines schriftlichen Tagesplans oder das Priorisieren von Aufgaben anhand von Methoden wie der Eisenhower-Matrix, bei der Aufgaben nach Wichtigkeit und Dringlichkeit sortiert werden. Ohne klare Strukturen und ausreichende Ressourcen kann die Eigenverantwortung jedoch auch überfordern und zu Stress führen. Menschen mit ausgeprägter Selbstkompetenz, wie Selbstorganisation und hoher Anpassungsfähigkeit, kommen meiner Erfahrung nach besser mit den Anforderungen der digitalen Arbeitswelten zurecht. Ein Beispiel sind IT-Fachkräfte, die durch ständige Updates und wechselnde Anforderungen geübt darin sind, neue Herausforderungen rasch zu bewältigen.
Welche Rahmenbedingungen können und müssen Unternehmen bzw. Arbeitgeber für Menschen bieten, die Schwierigkeiten mit dem technologischen Wandel haben?
Besonders in Zeiten von Fachkräftemangel ist es für Unternehmen unverzichtbar, gesunde Rahmenbedingungen zu schaffen, psychische Belastungen der Mitarbeitenden zu erkennen und gezielt entgegen zu wirken. Ein zukunftsorientiertes Unternehmen erkennt, dass Investitionen in die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden nicht nur deren Wohlbefinden steigern, sondern auch die Produktivität und Loyalität erhöhen. Dazu gehören auch psychologische Gefährdungsbeurteilungen sowie klare Regeln zu Erreichbarkeit und Arbeitszeiten.
Welche Massnahmen können Menschen selbst treffen, um sich besser auf die Neuerungen und den Wandel einzustellen? Welche Werkzeuge stehen Mitarbeitenden selbst zur Verfügung?
Gezielte Routinen wie strukturiertes Zeitmanagement oder regelmässige Zeiten ohne digitale Geräte, sogenannte Digital-Detox-Phasen, können helfen. Des Weiteren können das Führen von Tagebüchern oder Achtsamkeitsübungen hilfreich sein, um die eigene Belastung besser zu verstehen und frühzeitig gegen zusteuern. Stressabbau durch Bewegung oder der Austausch mit anderen Menschen sind ebenfalls wichtige Ansätze.
Ein Begriff, der auch oft genannt wird in den vergangenen Jahren: Work-Life-Balance. Wie wichtig ist diese aus Ihrer Sicht für ein Unternehmen?
Tatsächlich ist ja auch auf Unterehmerseite wichtig, dass die Mit-arbeitenden eine gute Work-Life-Balance haben. Wenn jemand zufrieden ist, seine Grenzen kennt und seine Ressourcen aufbauen kann, erhöht dies die Arbeitsqualität und reduziert die Krankheitstage. Menschen haben tatsächlich auch mehr Kapazität und bringen gegebenenfalls mehr Kreativität oder bessere Lösungsansätze in die Arbeit ein. Und in der heutigen Zeit des Fachkräftemangels ist es für Arbeitgeber wichtig, die Mitarbeitenden an das Unternehmen zu binden. Hier ist Work-Life-Balance das Stichwort, wie Unternehmen Strukturen schaffen können, dass Mitarbeiten sich mit dem Unternehmen identifizieren, motiviert bleiben und zufrieden sind
Wie stellen Sie sich die ideale Balance zwischen Konnektivität und mentaler Gesundheit in 10 Jahren vor?
Wir müssen grundsätzlich flexibler und anpassungsfähiger werden. Und wir dürfen uns nicht vor neuen Technologien verschliessen. Die Dinge werden in Zukunft nicht mehr so funktionieren, wie wir es in den vergangenen 20 Jahre gewohnt waren. Um die Mitarbeitenden abzuholen und Ängste abzubauen, müssen wir wieder lernen, besser miteinander zu kommunizieren. In diesem Zusammenhang ist ein wichtiger Punkt die Art und Weise, wie Teammeetings gestaltet werden. Wenn diese hauptsächlich digital stattfinden, kann ein Gefühl der Distanz entstehen, da spontane Gespräche und informelle Interaktionen oft fehlen. Dies sind jedoch entscheidende Elemente für den Aufbau eines starken Teamgefühls. Massnahmen wie regelmässige persönliche Treffen und hybride Formate, die digitalen und analogen Austausch kombinieren, könnten eine Lösung sein. So bleibt die persönliche Verbindung erhalten, und die Zusammenarbeit wird gestärkt. Abschliessend ist es wichtig zu betonen, dass die Verbindung zwischen Technologie, Konnektivität und psychischer Gesundheit nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich und politisch angegangen werden muss. Politische Regelungen könnten beispielsweise Standards für Homeoffice, Erreichbarkeitszeiten und Arbeitszeiten sein, um Mitarbeitende besser zu schützen. Gleichzeitig sollten gesellschaftliche Initiativen die Bedeutung der Work-Life-Balance betonen und die Bevölkerung für psychische Gesundheit sensibilisieren. Nur durch ein gemeinsames Handeln können wir in der digitalen Zukunft eine nachhaltige Balance schaffen, die sowohl produktiv als auch gesundheitsfördernd ist.
Benita C. Zimmer ist Wirtschafts- und Gesundheitspsychologin und hat ihr Studium in Berlin absolviert. Nach ihrem Studium widmete sie sich intensiv der Forschung zu psychologischen Belastungsfaktoren und Beanspruchungen im Kontext von New Work. Mit mehr als neun Jahren Erfahrung in der Unternehmensberatung arbeitete sie in einem interdisziplinären Team von Wirtschaftspsychologinnen. In Liechtenstein gründete sie die Zimmer Consulting, um ihre umfassenden Kenntnisse und Erfahrungen an Unternehmen weiterzugeben und sie in Transformationsprozessen zu begleiten. Dabei kombiniert Zimmer wissenschaftliche Erkenntnisse mit praxisnahen Ansätzen, um die psychische Gesundheit und die Arbeitskultur in Unternehmen nachhaltig zu verbessern.